Kaffee und Flugreisen sind teuer, Autos fahren maximal 120 Kilometer pro Stunde und fliegende Drachen mit Rotoren erzeugen Windenergie. So könnte unser Alltag in 40 Jahren aussehen, meint zumindest die Studie "Zukunftfähiges Deutschland".
Ich lebe im Jahr 2050, stehe am Fenster und blicke über meine Stadt: Auf allen großen Gebäuden in der Ferne, den Lager-, Industrie- und Veranstaltungshallen glitzern großflächige Solaranlagen. Alle Häuser, ob Alt- oder Neubau, sind wärmegedämmt, die Fenster energieeffizient, die Lampen energiesparend. Wir verbrauchen nur noch 2.000 Watt Energie in der Stunde, früher waren es 6.000. Nach Beschlüssen von Bundestag und Bundesrat errichten Bauherren ausschließlich Niedrigenergie-Häuser. Ich selbst erhalte eine monatliche Umweltprämie, weil ich in ein Mehrfamilienhaus auf eine kleinere Wohnfläche gezogen bin. Wir leben in einer Welt mit knappen Ressourcen und sparen Energie und CO2 wo wir können.
Energie aus der Natur
Wir gewinnen unsere Energie nicht mehr in zentralen Kraftwerken, sondern dort wo sie uns die Natur zur Verfügung stellt. Windumbrauste Hügel ohne Windräder sind eine Seltenheit in der Landschaft; auch an Drachen aus Metall, die hoch in unserer Luft schweben, haben wir uns gewöhnt: Die fliegenden Windkraftwerke sind angeleint und bringen die Rotorblätter noch besser in den Windstrom. Dort wo die Sonne am Himmel scheint, stehen Solaranlagen; wo die Erde brodelt, wird geothermisch gebohrt. An Flussmündungen und in Gezeitenzonen erzeugen Strömungskraftwerke Energie, an den Rändern von Äckern und Weideflächen sind es Biomassekraftwerke. Windräder und Biomassekraftwerke im Umland versorgen auch unsere Stadt, dazu kommt Solarstrom von den eigenen Dächern, importierter Solarstrom aus den Wüsten des nördlichen Afrikas und den Offshore-Windparks in der Nordsee. 70 Prozent unseres Stroms, 60 Prozent unserer Wärme und 30 Prozent der Kraftstoffe für den Verkehr stammen aus erneuerbaren Energien. Wir verbrennen noch Öl und Gas: in einem lokalen Blockheizkraftwerk, wo auch die Wärme, die bei der Stromerzeugung entsteht, eingespeist wird. Kohlekraftwerke wurden bereits vor 30 Jahren eingestellt, seit Zertifikate für CO2-Emissionen zu Höchstpreisen von der Europäischen Union verkauft wurden. Und seit Atomkraftwerke Versicherungsprämien für ihren Atommüll bezahlen müssen, rechnet sich auch Atomstrom nicht mehr und wird im nächsten Jahrzehnt auslaufen.
Globale Erwärmung aufgehalten
Jeder von uns verbraucht heute rund zwei Tonnen Kohlendioxid im Jahr, 2010 waren es elf. Die Treibhausemissionen sind um 80 Prozent gesunken: Damit ist die globale Erwärmung bei zwei Grad Celsius stehen geblieben, der durchschnittliche Meeresspiegelanstieg bleibt im Zentimeterbereich und die Eisschilde in Grönland und der Antarktis einigermaßen stabil.
Autos fahren langsam
Ich schwinge mich auf mein Fahrrad - ich muss nicht, wir leben in keiner der zahlreichen autofreien Siedlungen. Doch ich fahre ins Stadtzentrum, einer Umweltzone, und müsste 25 Euro City-Maut bezahlen, wenn ich mit dem eigenen Auto hindurch fahre. Es gibt immer noch viele Autos, 46 Millionen, aber andere: kleinere, leichtere, schnittigere Bauart, angetrieben von Diesel; Elektromotoren oder Brennstoffzellen. Wessen Auto mehr als drei Liter Diesel auf 100 Kilometer verbraucht, zahlt eine Luxussteuer. Gesetzliche Vorschriften verpflichten Autobauer, keine Autos zu bauen, die schneller als 120 Kilometer pro Stunde fahren – das ist auch das Tempolimit auf Autobahnen – weil darüber hinaus drie CO2-Belastung um ein Vielfaches steigt.
Arbeit teilen mit kurzer Vollzeit
Ich arbeite in der Stadtverwaltung nur 30 Stunden in der Woche – wie viele Männer und Frauen in Deutschland. Seit Jahren orientiert sich Deutschland an Ländern wie den Niederlanden oder Dänemark, deren Bürger deutlich weniger Stunden in der Woche arbeiten und mehr Zeit für ihre Familien haben. Unter dem Motto "Die neue Vollzeit" hat die Bundesregierung mehrere Kampagnen gestartet, um die Erwerbsarbeit gerecht zu teilen. Unser Arbeitgeber fordert uns auch auf, nachhaltig mit Ressourcen umzugehen: Ich schalte den Bildschirm in der Mittagspause aus, trinke fair gehandelten Kaffee, Videokonferenzen ersetzen viele Dienstreisen.
Die Hälfte der Lebensmittel sind Öko-Produkte
Auf dem Weg nach Hause hole ich unsere Lebensmittelkiste im Stadtteildepot für Ökolebensmittel ab: Im Internet habe ich am Morgen Waren bei fünf beteiligten Höfen bestellt. Ein Sammeltransporter bringt die Kisten ins Depot, ich muss nicht mehr mit dem Auto zu den Biohöfen ins Umland fahren. Die Hälfte unserer Lebensmittel stammt aus regionalem, ökologischen Landbau. Die Preise haben sich der ökologischen Realität angepasst: Je mehr ein Produkt die Umwelt belastet, desto teurer ist es. Rindfleisch, Butter und Käse sind teuer, denn Kühe verunreinigen mit ihrem Methangasausstoß die Atmosphäre. Kaffee, Schokolade, Bananen, Orangensaft - alles teuer, weil die Produkte entweder mit dem Flugzeug transportiert wurden oder faire Preise für die ausländischen Erzeuger von der Internationalen Handelsorganisation, der Nachfolgerin der WTO, ausgehandelt wurden. Die Fernsehköche zaubern oft Gerichte ohne Fleisch, auch wir essen es nur ein- bis zweimal in der Woche.
Billigflüge sind Vergangenheit
Es wird dunkel. In den Straßenlaternen leuchten langlebige und umweltverträgliche LED-Lampen. Sie sind auf die Helligkeit einer klaren Vollmondnacht abgestimmt und passen sich den Lichtverhältnissen bei auf- und abnehmenden Mond an. Zu Hause schalte ich den Rechner an und plane den nächsten Urlaub, den ich in Deutschland verbringe. Seitdem Fluganbieter um eine begrenzte Anzahl von Start- und Landeerlaubnissen handeln müssen sind Flüge sehr teuer geworden; Billigflüge gibt es nicht.
Autofreie Zonen
Auf einer Internetseite lese ich die aktuelle Meldung, dass es einem Forscherteam vom Max-Planck-Institut gelungen ist, Bakterien zu züchten, die Kohlendioxid in Erdgas umwandeln. Ein anderer Autor schreibt über Visionen für das Jahr 2100: In großen, aneinanderhängenden Regionen mit mehreren Städten werde es kein einziges Auto mehr geben. An den Rändern der autofreien Zonen stehen Elektroautos, die man ausleihen kann. Kein einziges Auto, auf vielen Quadratkilometern? Straßen, die ausschließlich Menschen gehören? Das kann ich mir dann doch nicht vorstellen.
Stand: 16.12.2009, 02:00 Uhr
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