Kirsten Rulf
Helmut Wilden ist eher ein stiller Mann. Ein Tüftler, der nüchtern an die Dinge herangeht und sie dann schnell und logisch löst. Aber wenn der Ingenieur in seinem Labor auf dem Bonner Wachtberg neben dieser großen goldenen Scheibe steht, dann wirkt er richtig gerührt vor Stolz: „So etwas zu erschaffen, das ist einmalig in einem Forscherleben!“ Sein Kollege Andreas Brenner schwärmt: „Die Antenne kann in acht verschiedene Richtungen gleichzeitig schauen. Das kriegen sie mit konventionellen Anlagen nie hin!“ Beide haben am Bonner Fraunhofer Institut für Hochfrequenzphysik und Radartechnik die goldene Scheibe entwickelt: Sie glitzert und ist knapp über zwei Meter im Durchmesser groß - um diese Scheibe, so die Forscher, soll sogar die NASA das Bonner Fraunhofer Institut beneiden. Denn sie ist nach ihrer Auskunft derzeit die modernste Radaranlage der Welt: Hunderte von Zacken sitzen auf ihrer goldenen Oberfläche – alles kleine "Augen", die elektronisch blitzschnell überall hin blicken können.
Die Gefahr aus dem All
Die Anlage soll später sogar Teilchen aufspüren können, die nur faustgroß sind und die bis zu tausend Kilometer über der Erde im Weltall kreisen. Eine solche Anlage könnte auch die US-Weltraumbehörde NASA gut gebrauchen, meinen die Forscher. Die US-Raumfahrtbehörde erobert selbst seit über 50 Jahren den Weltraum. Sie hat deshalb mit anderen Raumfahrernationen mehr als 5.000 Raketen gestartet. Das hat gefährliche Spuren hinterlassen, die künftige Weltraummissionen verhindern könnten: Rund um die Erde hat sich über die Jahrzehnte ein Gürtel aus taumelnden Schrottteilchen gebildet. Trifft ein solches Teilchen auf einen Satelliten oder ein Raumschiff mit Astronauten, entsteht noch mehr Schrott – wenn es glimpflich abläuft: „Ab einem Zentimeter Größe wird ein einschlagendes Trümmerteil einen Satelliten sogar komplett zerstören“, weiß Ludger Leushacke vom Bonner Fraunhofer Institut.
Kaum Ausweichen vor dem Weltraumschrott möglich
Datenübertragung, Satellitennavigation, Fernsehen, Funkverbindungen – alles könnte ausfallen, wenn der Schrott einen Satelliten trifft. Moderne Satelliten können zwar theoretisch Ausweichmanöver fliegen. Aber: Bisher wissen Raumfahrtbehörden wie die NASA oder die europäische ESA, meistens nicht, wo genau in der Erdumlaufbahn Schrott herumfliegt - deshalb können sie auch nicht einschätzen, wann sie ausweichen müssen. „Deswegen ist es so wichtig, Messgeräte zu haben, die zum einen empfindlich sind, und zum anderen eine solch hohe Zahl von Objekten auch ständig im Visier haben“, erklärt Ludger Leushacke. Und genau da kommt die neue Radaranlage der Bonner Fraunhofer-Forscher Wilden und Brenner ins Spiel: Weltweit bietet nur sie, laut der beiden Forscher, als Einzige bisher die technischen Möglichkeiten, den erdnahen Raum so genau zu kontrollieren.
Europäisches Projekt nach Bonner Modell?
Wie groß die Gefahr durch den Schrott aus dem All ist, hat mittlerweile auch die Politik erkannt: Das EU-Parlament plant, Gelder für eine europäische Großanlage bereitzustellen - Ergebnisse aus dem Radarbau der Bonner Forscher sollen dabei einfließen. Kostenpunkt: mehrere Hundert Millionen Euro. Bisher zieren sich allerdings noch einige EU-Mitgliedsstaaten, dem Projekt, das „European Space Situational Awareness“ heißt, zuzustimmen. Zu Unrecht findet EU-Parlamentarier Norbert Glante, SPD: „Wenn etwas bei uns in Europa passiert, und es war ja nahe dran, dass auch Flugzeuge von solchen Weltraumschrottteilen getroffen werden, dann wird die Stimmung ganz schnell umschlagen.“
Erst Langzeittest in Spanien
Ihre goldene Scheibe schicken die Bonner Forscher jetzt nach Spanien – dort soll sie mit einem spanischen Bauteil getestet werden. Langfristig könnten auch andere Forschungsbereiche von der Anlage profitieren: Asteroiden, Sonnenstürme, Weltraumwetter – alles das könnte man ebenfalls mit dem Bonner Weltraumspäher erforschen. Vorher soll er aber erstmal zeigen, ob er einem Langzeittest standhalten kann. Helmut Wilden ist sich da sicher: „So etwas baut man nur einmal im Leben“, sagt er stolz. „Und dann macht man es natürlich so gut wie möglich.“
Homepage Fraunhofer-Gesellschaft
Homepage Europäische Raumfahrtbehörde ESA
Homepage Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt
24.04.2012, 15:10
Seite teilen