Von Katrin Schlusen
Leonhard Müller steht vor einer Schleifmaschine in der Lehrwerkstatt. Testweise schaltet er das Gerät ein. "Diese Bank hier ist nicht besonders groß", sagt er und deutet auf eine silberne Metallplatte, die direkt unterhalb der Maschine liegt. "Aber dahinter steckt eine Kraft von vier Tonnen." Der 22-Jährige ist im zweiten Lehrjahr bei der Mikrotechnologie-Firma "MikroParts" in Dortmund und zeigt eine uneingeschränkte Begeisterung für die hoch komplizierten technischen Geräte, die ihn an seinem Arbeitsplatz umgeben. Er wird hier zum Industriemechaniker ausgebildet - das ist, wie er selbst erklärt, "Maschinenbau als Ausbildungsberuf". Und für ihn viel besser geeignet als ein Studium. Müller kann das beurteilen, denn er kennt beide Wege.
Nach dem Abi hatte Müller zunächst ein Studium aufgenommen: Mathe und Sport auf Lehramt. Nach zwei Jahren wollte er etwas anderes. "Gerade Mathe war sehr abgehoben und mir fehlte der Realitätsbezug." Das ist bei der Ausbildung anders. "Eine Ausbildung ist erfüllender." Oft müssten Werkstücke auf den halben Mikrometer genau angefertigt werden. "So etwas zu schaffen, ist ein hoher persönlicher Ansporn", sagt Müller.
Trotz Abitur eine Ausbildung zu machen, das ist ein Trend. "Immer mehr Jugendliche mit Abitur informieren sich darüber", sagt Sabine Hanzen-Paprotta, Sprecherin der Dortmunder Agentur für Arbeit. Viele hätten nach dem Abi einfach genug vom Büffeln oder wollten mit einer Ausbildung die Wartezeit auf einen Studienplatz überbrücken. In einigen Berufen wie dem des Kaufmanns oder Versicherungskaufmanns sei es bereits zu einer Verdrängung von Real- und Hauptschülern gekommen. Der Grund dafür, so Heino Streier von der WDR Lehrstellenaktion: "Die Unternehmen suchen sich immer die Besten aus."
Streier weiß aus Erfahrung: "Viele junge Leute sind sich unschlüssig, ob sie eine Ausbildung machen oder studieren sollten." Seiner Erfahrung nach gebe es immer mehr Abiturienten, die sich für eine Ausbildung entscheiden. "Ein Grund dafür ist, dass die Ausbildungsberufe immer komplizierter werden." Ein Beispiel dafür sei der Beruf des "Autoschraubers", der heute durch den Automechatroniker abgelöst wurde. Auch Leonhard Müllers Lehrberuf des Industriemechanikers gehöre dazu. Wer nach so einer Ausbildung noch ein Studium dranhänge, habe gegenüber den anderen Studenten einen ganz klaren Vorteil. Die praktische Erfahrung durch die Ausbildung sei eine deutliche Erleichterung. "Der Königsweg ist eine duale Ausbildung", sagt Streier. Dabei wird sowohl ein Lehrberuf als auch ein Bachelor-Studium absolviert - die Studiengebühren werden von der jeweiligen Firma übernommen. Die Unternehmen wollen mit dem Angebot besonders gute Schulabgänger anlocken und gezielt Fachkräfte ausbilden.
Leonhard Müller will sich jetzt auf die Ausbildung konzentrieren. "Ich kann einen Meister machen oder Maschinenbau studieren." Die Arbeit in der Lehrwerkstatt ist dafür eine gute Vorbereitung: Das komplizierte Bedienen der Maschinen heißt an der Uni Steuerung- und Regelungstechnik. "Wenn ich das schon kann, ist das ganz gut", sagt Müller. Was würde er jemandem raten, der sich jetzt zwischen Lehre oder Studium entscheiden muss? "Wenn man noch nicht weiß, wo man in der Welt steht: Dann mach erst mal eine Ausbildung."
Lehrstellenaktion 2010
Studienberatung an der TU Dortmund (20.09.10)
Hilfe bei der Studienwahl
11.10.2010;02:00 Uhr