http://www.wdr.de/wissen/wdr_wissen/themen/schule_beruf/aktuell/2011/11/pisa.php5

Sie befinden sich hier: WDR.deWDR Wissen Schule/Beruf Zehn Jahre nach dem Pisa-Schock

Der Pisa-Schock von 2001 löste in NRW zahlreiche Reformen aus

Erfolg in kleinen Schritten

Von Stephan Lüke

Zehn Jahre sind vergangen seit eine Studie namens Pisa Deutschland und NRW aus allen Bildungs-Illusionen riss. Das Bemühen, seither die Qualität von Schule und Unterricht zu steigern, erweist sich als schwieriges Unterfangen. Eine Zwischenbilanz.

Geahnt hatten es schon viele vor 2001. Doch nach der internationalen Vergleichsstudie Pisa stand es schwarz auf weiß geschrieben. Die 15-Jährigen in Deutschland lagen in allen getesteten Bereichen (Lesen, Mathematik, Naturwissenschaften) im internationalen Vergleich im unteren Drittel. Deutschland wurde ein veraltetes, ineffektives und ungerechtes Bildungssystem attestiert. Hoffnungen, in NRW könne die Lage etwas rosiger sein, zerstreute schnell der nationale Vergleich. NRW taumelte im grauen Mittelmaß.


Vier Kultusministerinnen suchen Lösungen

Seit jenem Tag haben vier Kultusministerinnen das Heft des Handelns in Düsseldorf in der Hand gehalten: Auf Gabriele Behler (SPD) folgte ihre Parteigenossin Ute Schäfer. Sie musste nach dem Wahlsieg der CDU (2005) ihren Platz zugunsten von Barbara Sommer räumen, ehe schließlich die Grüne Sylvia Löhrmann die Verantwortung übernahm. Alle waren bestrebt, mehr Qualität in die Klassenzimmer zu bekommen. Glaubt man der amtierenden Kultusministerin wurden die zehn Jahre gut genutzt. "Es sind erste Erfolge zu verzeichnen", betont Sylvia Löhrmann. Die jüngste Pisa-Untersuchung (2009) darf als Bestätigung ihres Optimismus' gelten: Deutschland und auch NRW wird ein leichter Aufwärtstrend bescheinigt.


"Sachentscheidungen statt Ideologie"

; Rechte:

Schulministerin Löhrmann (Grüne)

Bild vergrößern

Verbesserungen, die nur durch die Schocktherapie des internationalen Vergleichs möglich wurden? "Nur bedingt", glaubt Löhrmann. "Aber", so sagt sie, "Pisa hat dazu beigetragen, in der öffentlichen Wahrnehmung und in der Debatte einen Schwerpunkt auf Fragen der Bildungspolitik zu legen." Und so feierte die Grünen-Politikerin 2011 den vielleicht größten Erfolg seit Veröffentlichung der Pisa-Ergebnisse. Parteiübergreifend wurde ein Bildungsfrieden geschlossen. "Sachentscheidungen statt Ideologie", lautet die gemeinsame Marschroute, der sich bislang nur die FDP und die Linke verschließen.


Noch eine neue Schulform

Die Freidemokraten mochten daher auch den Weg zur Sekundarschule nicht mitgehen. Sie soll insbesondere in ländlichen Räumen durch den Zusammenschluss von Haupt- und Realschule das Schulsterben als Folge des demographischen Wandels aufhalten. Zugleich stellt sie nach Ansicht der Landesregierung den Einstieg ins längere gemeinsame Lernen und damit die Abkehr von der von den Pisa-Forschern kritisierten viel zu frühen Selektion dar. Kritiker aber bemängeln: Statt weniger gibt es in NRW künftig noch mehr Schulformen. Der renommierte Bielefelder Bildungsforscher Klaus-Jürgen Tillmann hält die Entwicklung "aus politischen Gesichtspunkten für verständlich". Er begrüßt die Sekundarschule für die ländlichen Regionen und die durch den politischen Konsens erreichte Einigung, Neugründungen von Gesamtschulen wieder zu ermöglichen. "Aber leider hat der Mut gefehlt, eine wirkliche Zweigliedrigkeit wie in Bremen, Hamburg und Berlin zu erreichen", bedauert er.


Sterben der Hauptschule keine Pisa-Folge

Das Sterben der Hauptschulen hat dagegen wohl nur wenig mit dem Pisa-Schock zu tun. Davon ist der Dortmunder Schulentwicklungsforscher Ernst Rösner überzeugt. Seiner Ansicht nach handelt es sich vielmehr um ein zufälliges Aufeinandertreffen zweier Ereignisse. 2001 sei Pisa erschienen und gleichzeitig sei dies das letzte Jahr mit hohen Wechselquoten von der Grundschule zur weiterführenden Schule gewesen. Waren es 2001 noch 203.000 Kinder, so sank die Zahl bis 2010 auf 169.000. Rösner: "Aus dem kleineren Potenzial bedienen sich zuerst Gymnasien und Realschulen. Die Hauptschule wird zur Restschule, die immer weniger Eltern für ihr Kind akzeptieren." Gleichzeitig wünschten sich immer mehr Eltern das Abitur für ihr Kind, meint Rösner. Doch inzwischen seien sie offener für den Weg. Der neunjährige Weg an Gesamtschulen oder dem Berufskolleg gelte gegenüber dem in NRW inzwischen etablierten achtjährigen Gymnasium nicht mehr als zweite Wahl.


Massiver Ausbau der Ganztagsangebote

; Rechte:

Mehr Ganztagsbetreuung

Bild vergrößern

Zu den führenden Bundesländern zählt NRW inzwischen beim Ausbau der Ganztagsangebote. 70 Prozent aller Schulen haben sich vom Halbtagsangebot verabschiedet. Bei dem Großteil handelt es sich um Grundschulen, die eine Nachmittagsbetreuung (offener Ganztag) auf freiwilliger Basis anbieten. Von den vier Milliarden Euro die Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) für den Ausbau der Ganztagsangebote zur Verfügung stellten, fiel der Löwenanteil an NRW.


30 Millionen Euro für Sprachförderung

Unumstritten in seiner Zielsetzung sind auch die verpflichtenden Sprachstandserhebungen, der sich die Kinder zwei Jahre vor der Einschulung stellen müssen und gegebenenfalls anschließend zwei Jahre lang speziell gefördert werden. 30 Millionen Euro lässt sich NRW diesen Beitrag zur Chancengleichheit pro Jahr kosten. 25 Prozent (ca. 30.000 Kinder) eines Jahrgangs werden jährlich durchschnittlich gefördert. Kritik wird allerdings immer wieder am Verfahren laut. Dass den Kindern fremde Grundschullehrerinnen den Test durchführen, verstehen Erzieherinnen nach wie vor nicht. "Viele Kinder schweigen gegenüber Unbekannten", sagt Maria W. Sie ist Erzieherin in einer Kita im Rheinland. Den Test hält sie ohnehin für "rausgeworfenes Geld". Ihre Begründung: "Wir kennen unsere Kleinen und wissen genau, wer Unterstützung bedarf. Das Geld, das bislang für die Sprachstandserhebung ausgegeben wird, sollte man lieber nutzen, um noch mehr Kinder ins Förderprogramm aufzunehmen."


Schuletat stieg deutlich

Wenn es ums Geld geht, verweist die amtierende Kultusministerin in Düsseldorf gerne auf die schulbezogenen Ausgaben des Landes. Sie stiegen von 10,9 Milliarden (2001) auf 14,2 Milliarden Euro (2011). Etwas mehr dürfte es nach Ansicht der Bochumer Schulforscherin Gabriele Bellenberg dennoch sein. Sie sieht zwar insgesamt eine positive Entwicklung der Schulen. Doch mit Blick auf die Zukunft wünscht sie sich mehr Unterstützungsleistung für die Kollegien. "Besonders bei der Entwicklung von Teamarbeit in der eigenen Schule, aber auch darüber hinaus, muss ihnen der Rücken gestärkt werden. Es ist zuviel verlangt, ihnen das selbst zu überlassen und es sogar selbst finanzieren zu müssen", meint Bellenberg. Land, aber auch Stiftungen könnten ihrer Ansicht nach in die Bresche springen.


Auch Behler sieht Fortschritte

; Rechte:

Gabriele Behler

Bild vergrößern

Mit dem Abstand einer nicht mehr in der politischen Verantwortung Stehenden, zieht die 2001 amtierende NRW-Schulministerin Gabriele Behler ein durchaus positives Fazit des vergangenen Jahrzehnts: "Es hat sich etwas bewegt." Zugleich aber warnt sie gegenüber WDR.de davor, sich auf dem Erreichten auszuruhen und sich zu sehr an den langsam besser werdenden Durchschnittsnoten der Schülerinnen und Schüler zu orientieren. "Eine gute Note ist noch nicht automatisch gleichzusetzen mit guter Bildung", mahnt sie.






Kommentare 

Bisherige Beiträge

anonym vor 26 Woche(n)
@Iguana vor 20 Stunden(n):"Schuldzuweisungen an Eltern, Lehrer oder Politiker haben keinerlei konstruktiven Charakter" Das sehen viele verantwortungsvolle Eltern anders, schon lange vor PISA forderten sie mehr Engagement der Lehrer/innen und weniger Fehlstunden und bekamen eine Schuldzuweisung nach der anderen, selbst als Akademiker mit weitreichender Ausbildung u.Qualifikation als überbezahlte Lehrer( Überbezahlung im Sinne K v.Dohnanyi, der im europäischen Vergleich die deutschen Lehrergehälter z.T. für zu hoch auswies). Auch 2011 stellt der Elternverband auf Gymnasien eine nicht vertretbare Fehlstundenzahl der Lehrerschaft fest, die an die Millionen Stundengrenze reicht. Weiterhin kommt es zu "Pseudofortbildung" während Unterrichtszeit, wohingegen die unterrichtsfreien Ferienzeiten hemmungslos ausgespart und als Urlaub verbucht werden. Verwaltungstätigkeiten und selbst schon Arbeitskorrekturen werden in Schulzeit zu Lasten der Schüler absoviert. Es ändert sich zu wenig (Behler?)
Iguana vor 26 Woche(n)
@Roger: Ihr mit peinlichen Pauschalisierungen ausgeschmückter Kommentar ist ein gutes Beispiel, warum mehr Aufwand in Bildung investiert werden sollte! Schuldzuweisungen an Eltern, Lehrer oder Politiker haben keinerlei konstruktiven Charakter. Es wäre wichtig wenn sich Eltern und Lehrer als Team verstehen und miteinander statt gegeneinander arbeiten. Des Weiteren haben Kinder durch ihre Neugierde und Begeisterungsfähigkeit schon ein hohes Potenzial Wissen aufzunehmen. Die Schule und die Eltern sollten daher die Kreativität und Lernfreude der Kinder mehr unterstützen.
Roger vor 26 Woche(n)
Kürzlich habe ich gehört, dass die meisten Kinder bis zum 6 Lebensjahr mindestens eine Psycho-Therapie durchgemacht haben. Wenn das der neue Standard ist, haben Psychologen einen krisenfesten Arbeitsplatz. Da kann keine ABM gegenhalten. Perfekt. Die Kosten bezahlt die Krankenkasse, das "Land" - sorry, natürlich der dumme Steuerzahler. Was für ein Unfug sich Politiker nur ausdenken können. Hauptsache in der Regierung sein ...
Reförmchen und Sandkasten vor 26 Woche(n)
Mit Personalumbruch und Übergabe des Staffelholzes an die wendigere Internetgeneration kommt sowieso Schwung in Paradigmenwechsel. Es handelt sich weniger um Einsicht der PISA-Verursacher mieser Ergebnisse, denn die sind noch alle in verantwortlicher Parteispitzenfunktion wie auch in Lehrerzimmern anzutreffen, als vielmehr um Veränderung durch nachrückenden Unterbau vor Ort. Vielleicht sehen wir schon innerhalb der nächsten 10 Jahren und 2 Wahlen die Verdrängung der alten Gesichter und eine drastische Beschleunigung der Nachwuchsförderung, vielleicht wird der Posten der "Frauenförderung" ja endlich in Stelle für Nachwuchsförderung-und bildung umfirmiert, nicht nur die mittlerweile benachteiligten Jungens auf dem Weg durch die Schule könnten das gebrauchen.
Roger vor 26 Woche(n)
Bei dem finanziellen Aufwand für unsere Kinder frage ich mich nach dem Nutzen. Für Politiker sind Eltern die perfekten Opfer, auf denen man sich profilieren kann. Politiker haben den Staat zur ihrer Eigenversorgung ausgebaut. Kaum haben Eltern Probleme mit ihren Kindern (wie seit endlosen Generation zuvor und sogar schon in der Bibel beschrieben), schon kommt der deutsche Politiker mit Verordnungen und Überwachung. Probleme mit immer größerer Staatsverschuldung werden ignoriert (ist ja nicht das eigene Geld). Was Grundschullehrer in einer Kita zu suchen haben, verstehe ich nicht. Die Schulpflicht beginnt mit 6 Jahren (nicht mit 4) und als Gutachter sind Lehrer nicht qualifiziert genug - das ist die Aufgabe von Psychologen und Ärzten. Ach wie gut ist es, Politiker zu haben. Da kann ich ja ruhig weiterschlafen.
1 | 2 | Letzte Seite

Eigenen Kommentar schreiben:

Zeichen verbleiben.

Regeln fürs Kommentieren


Deshalb stellt der WDR dumme Fragen
Sie sind schlauer als Spam-Automaten.
Bitte antworten Sie auf folgende Frage:

8 - 2 =

02.12.2011, 00.02


Programmkalender

Monat zurück Mai 2012 Monat vor
Mo Di Mi Do Fr Sa So
  1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31      

Planet Schule

Logo Planet Schule; Rechte: WDR/SWR

Die Seite für Lehrer und Schüler

Filme, Infos, Materialien, Spiele [mehr]

Lernen fürs Leben

Mädchen mit Lötkolben; Rechte: WDR

Lehrstellenaktion

Der WDR hilft bei der Jobsuche [mehr]

Medienkompetenz

Mädchen hört Radio ; Rechte: WDR

Netzwerk Medienkompetenz

Fortbildungen, Aktionen, Unterrichtsmaterialien [mehr]



Suche in WDR-Wissen