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Kritik an Bildungsstudie der Bertelsmann Stiftung

"Lernatlas mit gravierenden Mängeln"

Katja Goebel

In einer Bildungsstudie hat der Kreis Lippe kürzlich extrem schlecht abgeschnitten. Am Montag (19.12.2011) wollen sich die Politiker des Kreises von den Studienmachern erklären lassen, warum. Bildungsexperte Horst Weishaupt hat erhebliche Zweifel an den Ergebnissen.

Die Studie der Bertelsmann Stiftung, deren Ergebnisse im November 2011 veröffentlicht wurden, untersucht, wie gut es sich in den rund 400 Kreisen und kreisfreien Städten der Republik lernen lässt. Dabei wurde nicht nur das Lernen in Schulen, Hochschulen oder Betrieben betrachtet, sondern auch das persönliche und soziale Engagement der Bürger. Der so genannte Lernatlas zeigt ein großes Gefälle innerhalb Deutschlands. Auch für manchen Landeskreis in NRW sieht die Studie schwarz. So landete Lippe laut Lernatlas in der Vergleichsgruppe "Kreise im verdichteten Umland" auf dem letzten Platz. Doch dagegen regt sich Widerstand.


Einer der Kritiker ist Horst Weishaupt, Professor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF). Das DIPF ist ein außeruniversitäres Institut, das unter anderem Bildungsprogramme evaluiert. Horst Weishaupt hat den Kreis Lippe im Zusammenhang mit dem Projekt "Lernen vor Ort" beraten, in dem der Kreis Lippe 2010 ebenfalls einen Bildungsbericht vorgelegt hatte. Dieser Bildungsbericht kam zu anderen Ergebnissen als die Bertelsmannstudie. In einer Sondersitzung des Bildungssausschusses des Kreises Lippe am Montag (19.12.11) wollen die Macher der Studie den Kritikern nun Rede und Antwort stehen. WDR.de sprach vorab mit Horst Weishaupt über Sinn und Unsinn solcher Rankings.


WDR.de: Laut Bildungsstudie lässt es sich in Lippe besonders schlecht lernen. Woran haben die Experten der Studie das festgemacht?

Horst Weishaupt: Sie haben es festgemacht anhand von Daten, die überwiegend nicht für den Kreis vorlagen, aber dann dem Kreis zugerechnet wurden, zum Beispiel die Ergebnisse der Pisastudie, die nur für einzelne Bundesländer vorliegen. Das ist natürlich unzulässig.


WDR.de: Die Studie weist ihrer Meinung nach auch noch andere gravierende Mängel auf. Welche sind das?

Weishaupt: Im Lernatlas wurden wichtige Merkmale der Bildungssituation nicht berücksichtigt - zum Beispiel wie viele Schüler Gymnasien und Gesamtschulen besuchen oder das Verhältnis von Nachfrage und Angebot an Ausbildungsplätzen. Auch wurde zum Beispiel ein Hochschulbesuch als Indikator für allgemeines Lernen herangezogen, obwohl man doch davon ausgehen muss, dass eine Hochschulausbildung der beruflichen Qualifikation dient.


WDR.de: Man hat also, um das allgemeine Lernen im Kreis Lippe zu beurteilen, die dortigen Hochschulplätze gezählt. Und weil man nicht viele gefunden hat, ist man davon ausgegangen, dass das allgemeine Lernen in dieser Region vernachlässigt wird?

Weishaupt: Ja genau. Daraus hat man geschlossen, dass die Hochschulchancen in der Region ungünstig sind.


WDR.de: Kritiker werfen den Machern der Studie außerdem vor, dass sie alte Zahlen verwendet haben und somit neuere Bemühungen in Sachen Bildung gar nicht berücksichtigt haben.

Weishaupt: Es ist richtig, dass die Ergebnisse nur eine Momentaufnahme darstellen und keine Entwicklungen berücksichtigen. Der Kreis Lippe hat im Bildungsbereich in den letzten Jahren sehr viel getan. So hat man zum Beispiel zugesehen, dass für alle Schüler mit schlechten Schulabschlüssen und ohne einen Ausbildungsplatz wenigstens Schulangebote zur Verbesserung der Schulabschlüsse geschaffen werden. Da kann sich der Kreis natürlich zu Recht als unfair behandelt fühlen, wenn solche nachweisbaren Anstrengungen überhaupt nicht berücksichtigt werden.


WDR.de: Wo hätten Ihrer Meinung nach die Macher der Studie noch genauer hinschauen sollen?

Weishaupt: Die Indikatoren fürs Lernen hätten gründlicher überdacht werden müssen. Man kann doch nicht die Bereitschaft zur Organspende oder die Wahlbeteiligung als Indikator für soziales Lernen verwenden. Wenn die Datenbasis schlecht ist, muss man grundsätzlich vorsichtig damit umgehen, da kann man kein Ranking draus machen. Letztendlich hat man nur nach Indikatoren gesucht, die soziale und ökonomische Unterschiede zwischen Regionen beschreiben und nicht die Lernbedingungen.


WDR.de: Das klingt sehr kompliziert: Haben sie ein anschauliches Beispiel?

Weishaupt: Man weiß, dass die Quote der Schüler ohne Hauptschulabschluss in hohem Maße von der sozialen Situation der einzelnen Regionen abhängig ist. Nun hat man für die Studie ausgerechnet das Merkmal "Schüler ohne Hauptschulabschluss" ausgewählt, um die Situation in der Region zu beschreiben. Gleichzeitig hat man aber andere Merkmale, wie die Abiturientenquote, die weniger von sozialen Unterschieden abhängt, unberücksichtigt gelassen. Wenn Bayern also im Vergleich zu NRW besonders gut abschneidet, heißt das nicht, dass da besonders viel in die Bildung investiert wird, sondern, dass Bayern im Vergleich zu Nordrhein- Westfalen in einer ökonomisch günstigeren Situation ist. Der Vergleich ist also unfair, weil er letztlich ökonomische Unterschiede und keine Unterschiede der Lernbedingungen zum Ausdruck bringt.


WDR.de: Können solche Studien eigentlich zu besserer Bildung führen?

Weishaupt: Im Fall von Bertelsmann muss man sagen, dass auf Grund der konzeptionellen Mängel und methodischen Schwächen der Studie, die Kritik an die Leistung der Kreise völlig unberechtigt ist. Ich hoffe, dass die Bertelsmannstiftung in Zukunft auf den Lernatlas verzichtet.

Das Interview führte Katja Goebel.

 







19.12.2011, 06:00 Uhr


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