Von Annika Franck
Studieren liegt im Trend. Immer mehr junge Leute drängen an die Hochschulen, um dort eine möglichst gute Ausbildung zu bekommen. Ein gutes Zeichen in Zeiten des Fachkräftemangels. Einerseits. Andererseits: Wohin mit den Studenten, in welchen Hörsälen und Seminarräumen sollen sie Platz finden, wo sollen sie essen, wo bezahlbar wohnen? Und die Spitze der Studentenzahlen steht NRW noch bevor: Denn erst im kommenden Jahr, mit Beginn des Wintersemesters 2013, kommt der erste doppelte Abijahrgang aus NRW an die Hochschulen. Zwar laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren, aber um zu sehen, wo genau es hakt, startet Wissenschaftsministerin Svenja Schulze am Montag (12.03.2012) eine Hochschul-Tour. Neun Hochschulen will die Ministerin in diesem Jahr besuchen, um vor Ort festzustellen, wo Hilfe nötig ist.
Am Montag beginnt die Tour an der Fachhochschule (FH) Aachen. Das größte Problem hier: "Bezahlbarer Wohnraum", sagt Hochschulsprecher Roger Uhle. "Wir sind von uns aus gewappnet", sagt Uhle, die Kapazitäten der FH seien in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut worden. Doch das Problem mit der Unterkunft bleibe. Auf dieses Dilemma macht auch die Aktion "Extraraum" aufmerksam, für die sich Studierende anlässlich des Ministerinnenbesuchs in einen Setzkasten quetschen. "Wir wollen damit verdeutlichen, wie eng es hier wird", sagt Uhle.
Dass es eng wird, wissen auch die Hochschulrektoren. "Die Universitäten arbeiten seit Jahren intensiv daran, den steigenden Studierendenzahlen gerecht zu werden", heißt es bei der Landesrektorenkonferenz. Deren Vorsitzende Professor Ursula Gather sagt, dass mehr Professoren berufen und Mitarbeiter eingestellt worden seien. Finanziert wurden diese Stellen größtenteils aus den Mitteln des Hochschulpaktes, der zur Hälfte aus Mitteln des Landes und des Bundes finanziert wird. Und diese Gelder, so Ministerin Schulze, reichten nicht mehr aus, weil mehr Studierende an die Hochschulen strömen, als man für den Pakt zugrunde gelegt hatte. "Die Deckelung muss weg", heißt es aus ihrem Ministerium.
Doch es mangelt nicht nur an Wohnungen und Mitarbeitern. "Wir vermissen einen gesamten Masterplan", kritisiert Studierenden-Vertreter Patrick Schnepper vom Landes-ASten-Treffen. "Die Bearbeitung der BAföG-Anträge dauert viel zu lange, und die Gelder, die für Beratungen zur Verfügung stehen, sind viel zu gering", beklagt er. "Grundsätzlich freuen wir uns über den Run auf die Hochschulen, aber wir wollen nicht, dass Studis nach einem Semester aussteigen, weil ihr BAföG-Antrag noch nicht bearbeitet und genehmigt ist."
Dass es bei Einrichtungen der studentischen Infrastruktur nicht rund läuft, weiß auch Achim Meyer auf der Heyde, Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks. "Allerdings wurde uns von der Politik zugesagt, dass wir mehr Geld für Personal bekommen, um die BAföG-Anträge zügiger bearbeiten zu können." Ein Online-Antragsverfahren sei in Planung und soll das Prozedere ebenfalls beschleunigen. Das Studentenwerk ist auch zuständig für die Mensen an den Hochschulen - ein weiteres infrastrukturelles Nadelöhr: "Wir haben zwar die Öffnungszeiten der Mensen teilweise schon stark ausgedehnt, um die Situation zu entzerren", betont Meyer auf der Heyde. Die neue Studienstruktur mit verschulteren Bachelor- und Master-Studiengängen sorge aber häufig dafür, dass eben doch alle Studierende um 12.30 Uhr in der Mensa Schlange stehen.
Durch den Wegfall der Wehrpflicht und das verkürzte G8-Abitur werden die Studienanfänger immer jünger. Das ist ein Grund, warum der Beratungsbedarf der Studis steigt, das merken die Allgemeinen Studierendenausschüsse (ASten) ebenso wie das Studentenwerk. Auch im Ministerium ist diese Botschaft angekommen. "Wir haben ein zunehmend ausdifferenziertes Studiensystem", sagt eine Sprecherin, "dafür brauchen wir ein gutes Orientierungs- und Beratungssystem." Daher arbeite man mit den Hochschulen an einem Online-Self-Assessment, einer Beratungsplattform im Internet, die persönliche Vorlieben der künftigen Studierenden berücksichtigen und dann dabei helfen soll, das richtige Studienfach und die passende Hochschule zu finden.
Wenn dann die passende Hochschule gefunden ist, stellt sich wiederum die Frage nach einer erschwinglichen Bleibe. Dabei wäre es zu kurz gegriffen, den Bau neuer Wohnheime zu fordern. Denn was passiert, wenn ab 2014 die Zahl der Studienanfänger wieder zurückgeht, so wie es die KMK berechnet? Die nämlich geht davon aus, dass für NRW 2013 der Höhepunkt mit knapp 123.000 Studienanfängern erreicht ist und dann die Zahlen bis 2025 auf 92.100 zurückgehen. An der FH in Aachen hat man dazu bereits Ideen. "Da sind Konzepte für Wohnen auf Zeit gefragt", sagt der Fachhochschul-Sprecher Roger Uhle, und genau daran arbeite der Fachbereich Gestaltung. "Wir brauchen eine konzertierte Aktion", sagt er. Denn Wohnen im Setzkasten ist auch auf mittlere Sicht keine Alternative.
Studenten leiden unter BAföG-Engpass (05.03.2012)
Hohe Studienanfänger-Zahlen in NRW (13.10.2011)
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Dossier bei WDR.de
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Vorausberechnung der Studierendenzahlen
Informationen des Wissenschaftsministeriums
Informationen zu Wohnen, Finanzierung, Beratung
12.03.2012
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