Von Stephan Lüke
Nur wenige Gymnasien in NRW sind reguläre Ganztagsschulen. Doch der Nachmittagsunterricht ist dank Turboabitur zum Missfallen vieler Eltern längst Realität. Sie beklagen, dass ihre Kinder pauken, auch wenn ihnen der Magen knurrt.
Eine Mensa hat nämlich höchstens die Hälfte der NRW-Gymnasien. "Da wurde wieder einmal das Dach vor dem Keller gebaut", ärgert sich eine Düsseldorfer Mutter. Ihre 13-jährige Tochter besucht die siebte Klasse eines Gymnasiums der Landeshauptstadt. An zwei Tagen pro Woche stehen wegen des auf acht Jahre verkürzten Abiturs neun Stunden auf ihrem Plan. Ein Mittagessen gibt es von der Schule nicht. Für eine Mensa hatte die Kommune bislang kein Geld. Die Mutter weiß: "Unter diesen Umständen ist doch kein Kind am Nachmittag noch aufnahmefähig." Sie versteht nicht, warum das G8 und damit der Ganztag ohne entsprechende Rahmenbedingungen eingeführt wurden.
52 NRW-Gymnasien sind bislang offiziell Ganztagsschulen. Eine ähnliche Zahl soll im Sommer 2010 zusätzlich starten. So das Ziel der Landesregierung. Dass Nachmittagsunterricht jedoch an allen 629 Schulen dieser Schulform längst die Regel ist, weiß das Schulministerium. Auf das G8-Abi alleine möchte man das allerdings nicht schieben. Schon vor der Schulzeitverkürzung habe die Notwendigkeit bestanden, "die räumlichen und strukturellen Voraussetzungen für eine Mittagspause zu schaffen", erklärt ein Sprecher von Schulministerin Barbara Sommer (CDU). Die Verantwortung dafür aber liege bei den Kommunen.
Deren Bereitschaft, in Schulen zu investieren, fällt höchst unterschiedlich aus. Das belegt eine Studie der Wuppertaler Wissenschaftlerin Claudia Böhm-Kasper. Während Köln insgesamt mehr als 1.400 Euro und Düsseldorf immerhin noch zwischen 1.200 und 1.400 Euro pro Schüler und Jahr ausgeben, ist es beispielsweise in Bonn deutlich weniger. Dort stehen 700 bis 1.000 Euro zur Verfügung.
Damit ist der Neubau der Mensen freilich nicht zu bezahlen. Darum haben zahlreiche Kommunen in den vergangenen zwei Jahren zusätzliche Mittel bereitgestellt. Rund zwei Millionen Euro sind es etwa in Bonn. Doch auch das Land greift den Städten unter die Arme. 2008 verabschiedete es das 1.000-Schulen-Programm und beschloss: Für bauliche Veränderungen, die wegen des Ganztags erforderlich sind, erhält eine Kommune pro Schule 100.000 Euro. Der Ausbau der Schule muss vom Träger aber in mindestens gleicher Höhe mitfinanziert werden. Das fällt vielen Kommunen offenbar schwer.
Dennoch planen viele Gymnasien den Ganztag, doch einstweilen müssen Eltern und Schulleitungen häufig auf Notlösungen setzen. Mancherorts bringen Eltern ihren Kindern in der großen Pause eine warme Mahlzeit in die Schule. In der nahe gelegenen Uni-Mensa fand das Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium in Bonn einen Ausweg. 40 Euro müssen hier die Eltern pro Schuljahr zahlen, damit ihr Kind zum reduzierten Studententarif essen kann. Schulleiter Uwe Bettscheider gibt sich keinen Illusionen hin. "Unsere Eltern halten nur mit Aussicht auf die Mensa still." Die sollte eigentlich schon im Sommer fertig sein. Doch Bonn hat kein Geld. Jetzt bauen Schule und Stadt darauf, dass es 2010/2011 endlich soweit ist.
Die Bedeutung des Essens und Trinkens hebt die Bonner Medizinerin Irmgard Schuppert hervor: "Die kognitive Leistungsfähigkeit nimmt nach sechs Unterrichtsstunden ohne vernünftige Bewegung und eine warme Mahlzeit rapide ab", warnt sie. Sauerstoff und das Auffüllen des Energiehaushalts durch Nährstoffe ("und wenn es eine warme Suppe ist") nennt sie als Voraussetzung dafür, dass auch in der neunten Stunde "intellektuell noch etwas herauskommt".
Stand: 02.11.2009
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