Ingo Müntz
Auf den Fluren des Instituts für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik (IEE) klingt es in diesen Tagen babylonisch. Unbekannte Sprachen kreuzen sich mit englischen Fragen und deutschen Antworten. Der afghanische Staatssekretär versucht es in Englisch, sein Begleiter mit Deutsch, der deutsche Professor auch mal mit den Händen. Am Nachmittag kommt ein deutscher Minister und überreicht in einer Feierstunde die Zeugnisse den afghanischen Masterabsolventen, alles schaut nach Bochum. Naser Moain schaut derweil nach dem richtigen Zimmer. Dem 40-jährigen Wirtschaftsdozenten kleben Schweißtropfen auf der Stirn. Einen Tee, setzen, Worte finden. "Ich komme aus Afghanistan, aus Herat", sagt er und schaut Wilhelm Löwenstein an. "Sie ist eine Grenzstadt zum Iran. Herat ist eine alte Stadt, 2000 Jahre alt. Herat ist ein bisschen besser als die anderen Städte", sagt er und lächelt schüchtern.
"Herat ist eine Boomtown", kontert Löwenstein. "Sein' Sie ehrlich. Wenn Sie sich der Stadt nähern sehen Sie erst ein paar historische Minarette und dann vor allem Baukräne!" Professor Löwenstein leitet das IEE. Naser Moain kennt er seit 2004. Damals kam Moain als junger Dozent für Wirtschaftswissenschaften nach Bochum zum Bachelor-Training. "Nach dem Krieg waren fast alle Universitäten in Afghanistan geschlossen oder zerstört. Und die Hochschulbildung in Afghanistan war sehr, sehr schwach. Das Angebot der Ruhr-Uni Bochum kam gerade recht." Das Ziel damals wie heute: den Wissenstand mit Bochumer Hilfe zu verbessern und zu vereinheitlichen.
"Der afghanische Bachelor sagte damals wenig aus. Das Studium hatte in der Zeit des Bürgerkriegs stattgefunden", sagt Löwenstein. "Die meisten Dozenten waren weg. Wir haben dann das Bachelortraining gestartet. Die Dozenten sind für sechs Monate zu uns gekommen und dann wieder nach Hause geflogen, haben dort gelehrt." Jetzt waren die 17 Masterabsolventen noch einmal zwei Jahre in Bochum. Das zusätzlich erworbene Wissen transportieren sie wieder in ihr Heimatland. "Wirtschaftswissenschaften war zunächst gar nicht begehrt", sagt Naser Moain. "Aber seit dem Start der neuen Regierung gibt es viele Studenten, die an die Fakultät für Wirtschaftswissenschaften kommen. Glücklicherweise bekommen viele von ihnen nach dem Studium einen Job."
Das Ziel der Bochumer war die Ausbildung der Dozenten und ihrer Studenten zu vereinheitlichen. Die Programme wurden speziell auf afghanische Bedürfnisse zugeschnitten. "Das Training haben wir in englischer Sprache durchgeführt und mit englischsprachiger Literatur unterlegt. Dann die englische Literatur in die Heimatsprache übersetzt." Professor Löwenstein nimmt die Arme auseinander. "Daraus wurde dann ein guter Meter Bücher! Und diesen Meter Bücher haben wir 500 Mal an die Universitäten in Afghanistan weiter gegeben. Das heißt, die Studenten von Herrn Moian lernen jetzt mit Hilfe von Lehrbüchern, die in Bochum entworfen wurden."
Am Nachmittag überreicht der deutsche Minister das Master-Zeugnis. In einer Woche fliegt Naser Moain dann zurück. Erst nach Kabul, dann weiter nach Herat. "Deutschland ist wie eine zweite Heimat für mich geworden", sagt er "Aber Afghanistan bleibt meine Heimat. Mein Land ist ein ganz armes Land. Und darum muss ich mein Wissen in Afghanistan wieder abgeben - das ist mein Job. Wenn ich Deutschland und Afghanistan vergleiche, werde ich immer ein wenig traurig. Hier gibt es einen so hohen Lebensstandard und in Afghanistan führen wir ein so bescheidenes Leben. Ich könnte nicht in Deutschland bleiben."
26.02.2010