Eine Stunde später in die Schule kommen, einen Tag blau machen – das kann doch mal vorkommen. Bei Tamara und Nico, Steven und Angelique sind daraus viele Monate geworden. Geholfen hat den Dauerschwänzern die "Statt-Schule" in Essen. Dort haben sie einen Videofilm über ihr Problem gedreht.
Wann sie mit dem Schwänzen begonnen hat, kann die 15-jährige Angelique ziemlich genau sagen: "Mit dem Tod meiner Oma fing es an. Die hat bei uns gelebt, war wie eine zweite Mutter für mich. Außerdem haben die anderen Schüler mich immer gehänselt, meinten, ich soll mir mal was Anständiges zum Anziehen kaufen." Angelique beschreibt in dem Videofilm "Die Schule ist doof, ich nicht" fast ein wenig nachdenklich ihr damaliges Schwänzen.
Mit ihrer Schultasche unterm Arm verließ sie morgens das Haus. In der Schule angekommen ist sie aber nie. Stattdessen ging sie zum Sportplatz, hörte Musik oder bummelte durch die Stadt. Eineinhalb Jahre lief das so.
Angeregt und begleitet von einem Medienpädagogen des Medienprojekts Wuppertal haben sechs Jungen und Mädchen aus der Statt-Schule Essen ein 30-minütiges Video zum Thema "Schwänzen" gedreht. Die Statt-Schule ist eine vom Schulamt Essen getragene Initiative, die sich gezielt an Schulverweigerer wendet. Wenn die Jugendlichen sich im Film gegenseitig interviewen, wissen sie genau, wo sie nachhaken müssen. Sie wissen, wie es sich anfühlt, Außenseiter zu sein, im Unterricht nicht mehr mitzukommen, ständig Ausreden zu erfinden.
Bei der 14-jährigen Tamara war die Krankheit der Mutter eine willkommene Gelegenheit, immer öfter zu fehlen. Sie holte sich Atteste beim Arzt, obwohl sie gar nicht krank war. Dreimal wechselte sie innerhalb eines Jahres die Schule. Doch was als Hilfe gedacht war, entwickelte sich schnell zu einem zusätzlichen Problem: Ein vertrautes Umfeld fehlte, Freundinnen hatte sie kaum noch. "Ich wurde als Schulschwänzerin beschimpft, fühlte mich allein gelassen und wollte nur noch weg von der Schule."
Im Video befragen sich die Jugendlichen präzise: Wie das angefangen hat mit dem Schwänzen, was sie stattdessen gemacht und wie sie sich dabei gefühlt haben. Sehr offen beantworten sie untereinander vor der Kamera die Fragen. Sie erzählen von familiären Problemen, von ihren Gefühlen und von schwierigen Situationen in der Klasse. Die Erfahrung, gemobbt und ausgegrenzt zu werden, kennen die meisten Schulschwänzer. Schnell gelten sie als Versager, oft versuchen sie, sich durch Störaktionen Aufmerksamkeit zu verschaffen. Mit dem Lernstoff kommen sie irgendwann gar nicht mehr zurecht, die Gemeinsamkeiten mit Freunden aus der Klasse werden weniger.
Für das Video haben die Jugendlichen die Orte gefilmt, an denen sie ihre Vormittage jenseits der Schule verbracht haben – Spielplatz und Bett, Fußgängerzonen, der Computer zuhause. "Ich war viel zuhause, habe am Computer gesessen. Irgendwann wurde es langweilig und ich hab mir zunehmend Gedanken gemacht. Aber ich kam aus dem Teufelskreis allein nicht raus", erzählt der 17-jährige Nico.
Und die Eltern? "Ich habe gelogen, habe gesagt, der Unterricht sei ausgefallen", bekennt Steven im Video. Anders war es bei Nico: "Ab und zu hat meine Mutter mich zuhause gelassen, mich entschuldigt. Aber sie hat mich dann irgendwann auch nicht mehr aus dem Bett gekriegt. Vielleicht hätte sie mehr am Ball bleiben sollen." Es war seine Freundin, die Nico schließlich dazu gebracht hat, noch einmal einen Versuch zu starten.
Nico und die anderen besuchen inzwischen regelmäßig die Statt-Schule, die der Hauptschule Essen-Karnap angegliedert ist. 18 Jugendliche werden dort von zwei Lehrerinnen betreut, die sich bewusst für diesen Arbeitsplatz entschieden haben. Bei einer solch überschaubaren Gruppe und verbindlichen Ansprechpersonen kann keiner durchs Netz fallen. Das ist das Wichtigste, meint Projektleiterin Gabriele Vanhouttem. "Im normalen Schulalltag kann eine solche Rundum-Betreuung, wie wir sie hier bieten, gar nicht geleistet werden."
Fürsorgliche Kontrolle nennt die Lehrerin ihr Prinzip und betont, dass gerade Verlässlichkeit und Vertrauen wichtige Voraussetzungen sind, um die Jugendlichen bei der Stange zu halten.
Die meisten halten durch. "Die Lehrerinnen erklären besser als in der normalen Schule. Man kann immer fragen, wenn man was nicht verstanden hat", meint Angelique. Auch Steven fällt das Arbeiten in der kleinen Gruppe leichter, die Angst ist weg. Die Entscheidung für die Statt-Schule müssen die Jugendlichen selbst treffen, betont Gabriele Vanhouttem. Im Alltag dieser Maßnahme ist dann vieles anders als auf der Regelschule – häufige Gruppen- und Projektarbeit, konstante Bezugspersonen, sozialpädagogische Betreuung bis in die Familien hinein, regelmäßige Tagespraktika.
Und immer gilt: konsequentes Nachhaken und sich kümmern – egal, ob einer verspätet zum Unterricht erscheint oder mit einer Aufgabe nicht klar kommt.
Das Video war eine zusätzliche Herausforderung für alle. Der Lehrerin hat imponiert, wie ehrlich ihre Schüler und Schülerinnen zu ihrer Geschichte stehen. Und für Tamara ist ganz wichtig, "dass dadurch andere Jugendliche von uns und unseren Fehlern lernen."
Das Projekt Statt-Schule Essen ist telefonisch zu erreichen unter 0201-7491938.
Der Videofilm "Schulschwänzer" enthält zwei Dokumentationen: "Die Schule ist doof, ich nicht" (30 Minuten) und "Heute nicht" (über eine Gruppe aus Wuppertal, 15 Minuten) sowie als Bonusmaterial Interviews mit Statt-Schule-Lehrerin Gabriele Vanhouttem, Sozialpädagogin Anne Schneiders (Gesamtschule Wuppertal Vohwinkel) und Sozialwissenschaftlerin Irene Hofmann-Lun vom Deutschen Jugendinstitut in München.
Der Film kann als Video-Kassette oder DVD käuflich erworben oder entliehen werden beim Medienprojekt Wuppertal (siehe Linkliste unten).