Die Stiftung Lesen ermöglicht Unternehmen einseitige politische Aussagen an Schulen. Diesen Vorwurf erheben der DGB und ein Lehrerverband. Sie kritisieren unter anderem eine Schul-Broschüre, die die Stiftung zusammen mit der Bertelsmann-Tochter Arvato erstellt hat. Die Stiftung Lesen bestreitet die Vorwürfe.
Die Stiftung Lesen ist eine namhafte Bildungseinrichtung und ihr Leumund gilt als hochwertig. Ihr Zweck sei die "Förderung von Buch, Zeitschrift und Zeitung in allen Bevölkerungskreisen", heißt es auf der Webseite der gemeinnützigen Stiftung. Die Schirmherrschaft übernimmt traditionell der Bundespräsident. Die Stiftung verantwortete bereits zahlreiche renommierte Projekte vor allem im Bereich der Leseförderung. Das Logo der Stiftung wirkt deshalb wie ein Gütesiegel.
Auch auf dem Titelblatt der Schul-Broschüre "Zukunft Dienstleistung – ein Blick hinter die Kulissen" ist es abgebildet. Doch Bildungsfachleute und Lehrer aus NRW beanstanden das 48-Seiten-Heft, das auch im Internet zum Download bereit steht. Es sei politisch einseitig und transportiere "Schleichwerbung", so die Kritik.
Die Broschüre mit "Ideen für den Unterricht in den Klassen 7 –13" erklärt am Beispiel der Gütersloher Arvato AG, welche Berufe die Dienstleistungs-
branche bietet. Etwa Mechatronikerin, Drucker oder Kauffrau für audiovisuelle Medien. Das ist eines der Themen. Doch auf Seite 18 geht es dann um die umstrittenen Public Private Partnerships (PPP). PPP steht für die teilweise Übernahme öffentlicher Dienstleistungen durch private Unternehmen.
"Befürworter sehen bei der Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft die Vorteile auf beiden Seiten", schreiben die Autoren in dem Heft für Schulen. Schließlich arbeiteten Privatunternehmen "in der Regel ausgesprochen effizient". In der öffentlichen Verwaltung hingegen ziehe "zeitraubende Bürokratie nicht selten Vorgänge in die Länge".
Dass PPP-Projekte heftig umstritten sind, dazu finden lesende Schüler in dem ganzseitigen Text lediglich einen Satz. Kritiker befürchteten "eine zu hohe Abhängigkeit von der Privatwirtschaft" sowie "zu wenig Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten des Staates", heißt es dort. Dass Rechnungshöfe vor PPP-Vorhaben warnen, dass der Bund der Steuerzahler beanstandete, PPP verschleiere die tatsächlichen Lasten der öffentlichen Haushalte, davon können Lehrer und Jugendliche nichts lesen.
Hans Ulrich Nordhaus vom Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hält das für falsch. "Die Kritik an PP kommt zu kurz", sagt er. In dem Heft würden "einseitig Unternehmensziele aus Sicht des Managements in den Mittelpunkt gerückt".
Ludwig Eckinger, Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), beklagt die "Instrumentalisierung der Stiftung Lesen". Sie sei "abhängig von zahlungskräftigen Sponsoren", so Eckinger. DGB und VBE sind Mitglieder im Stiftungsrat von Stiftung Lesen.
Auf Nachfrage von schule.WDR.de reagiert der Pressesprecher der Stiftung Lesen, Christoph Schäfer, erstaunt. Der Vorwurf der Einseitigkeit sei ihm neu. Lehrerinnen und Lehrer schätzten "die objektive Aufbereitung der Unterrichtsmaterialien", beteuert er. Als Partner der Schul-Broschüre "Zukunft Dienstleistung" tritt die Arvato AG auf. Sie ist ein Tochterunternehmen der Bertelsmann AG, die wiederum zum Stifterrat der Stiftung Lesen gehört. Arvato bündelt die weltweiten Dienstleistungsaktivitäten des Gütersloher Konzerns.
Auch auf dem PPP-Markt tummelt sich das Unternehmen. So errichtete Arvato im Auftrag der Stadt Würzburg eine Internetplattform, die als zentrale Anlaufstelle für nahezu alle Verwaltungsfragen der Bürger dient. Auch in Großbritannien übernahm Arvato kommunale Aufgaben.
Das kostenlose Schüler-Heft hat eine stolze Auflage von 108.000 Stück. Laut Arvato wurde es bundesweit an 13.000 weiterführende Schulen verschickt.
Was sagen Lehrer zu der Broschüre und dazu, dass sie von der Stiftung Lesen kommt? Jan Röttgers, Studienrat am Berufskolleg Kleve, bedauert, dass sich in dem Heft "Information und Werbung zu sehr vermischen." Ihm gefällt nicht, dass Arvato die Broschüre zur Selbstdarstellung nutzt. Rita Viedenz, Deutschlehrerin am St. Franziskus-Gymnasium in Olpe, hat 99 Hefte für den Unterricht bestellt. Erst nachdem sie auf die Broschüre angesprochen worden sei, sei sie "neugierig geworden" und habe sich das Heft genauer angeschaut, erzählt sie.
Der Name Arvato tauche "gerade am Anfang der Broschüre auf fast auf jeder Seite auf", beanstandet Rita Viedenz. Das Heft stelle Dienstleistungen nur so vor, "wie sie von diesem Konzern durchgeführt werden". Ihr Urteil: "Die Broschüre ist für mich Schleichwerbung, was ich von Materialien der Stiftung Lesen bislang nicht gewohnt war."
VBE und DGB ärgern sich über eine weitere Schul-Broschüre, die die Stiftung Lesen verantwortet, diesmal gemeinsam mit der Stiftung der Unternehmens<-br>beratung Accenture aus Kronberg bei Frankfurt/Main. Das Heft heißt "Stromland. Visionen für eine Gesellschaft im Wandel". Die Klassen 10 bis 13 werden darin aufgefordert, "über Zukunftsfragen nachzudenken und ihre eigenen Entwürfe zu formulieren".
Das Heft – mit der beträchtlichen Auflage von 370.000 Exemplaren – steht ebenfalls als Download zur Verfügung und enthält einen Auszug aus dem Roman "Stromland", den Accenture-Chef Stephan Scholtissek verfasst hat. Scholtissek beschreibt darin den Traum von einer Gesellschaft mit "dynamischen Unternehmen, einem schlanken, dynamischen Staat". Ergänzt wird das Schülerheft durch Unterrichtsmaterialien, 56 Seiten stark. Hier finden sich ebenfalls Auzüge aus dem Scholtissek-Roman.
Hans Ulrich Nordhaus vom DGB beanstandet, dass der Romanauszug im Heft die "persönliche Meinung von Herrn Scholtissek" beschreibt. Es fehlten, so Nordhaus, "Positionen der Gewerkschaften zum Unternehmertum oder auch zu den Zukunftsprognosen unserer Gesellschaft". Auch in den Unterrichtsmaterialien "werden insbesondere Positionen der Arbeitgeber aufgegriffen." Kommentierungen durch Betriebsräte seien nicht zu finden.
Accenture versteht das Heft als "Diskussionsbeitrag". Stephan Scholtissek sagt, von Lehrern und Schülern sei ihm stets ein "rundweg positives Feedback zurückgespielt" worden.
Stiftung Lesen findet auch diese Unterrichtsmaterialien nicht einseitig. "Lese- und Kulturförderung", äußert sich Pressesprecher Christoph Schäfer, "sind in Deutschland ohne die aktive Unterstützung von Wirtschaft und Industrie kaum noch vorstellbar." Eine Argumentation, die dem VBE-Vorsitzenden Ludwig Eckinger sauer aufstößt. Die Stiftung Lesen sei "leider ein Beispiel dafür, wie sich der Staat aus seiner Bildungsverantwortung verabschiedet und Privatisierung zulässt." Dies könne dann, so Eckinger, "zu Auswüchsen führen."
Ob Accenture-Stiftung und Arvato Geld an die Stiftung Lesen für die Veröffentlichung der beiden Broschüren gezahlt haben oder wieviel, das will die Stiftung Lesen nicht verraten. "Zu Details der Projektfinanzierung", erklärt Sprecher Christoph Schäfer, "geben wir aus prinzipiellen Gründen keine Auskunft."
Über Geld wollen auch Arvato und Accenture-Stiftung nicht sprechen. Sie verteidigen die Unterrichtsmaterialien. Einseitige Darstellungen oder Schleichwerbung gebe es darin nicht.