Videokameras gegen Vandalismus oder Diebstähle: An Bahnhöfen und in Kaufhäusern gehören sie längst zum gewohnten Bild. Aber auch manche Schule schützt sich inzwischen mittels elektronischer Überwachung. Die Erfahrungen damit werden als gut bezeichnet. Offensichtlich schrecken Kameras Randalierer und Einbrecher ab.
Drogenhandel, Einbrüche, Graffiti – wenn sich früher niemand mehr auf dem frei zugänglichen Schulhof der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Leverkusen aufhielt, trieben regelmäßig dunkle Gestalten ihr Unwesen. Ihren Höhepunkt erreichte die Kriminalität, als während der Sanierung Baugerüste den Zugang ins Gebäude noch weiter erleichterten. "Wir haben allein im Physikbereich Verluste von 25.000 Euro erlitten", sagt Schulleiter Guido Sattler. "Unser Notebookwagen wurde geleert, Bildschirme und Beamer geklaut. Das trifft eine Schule im Kern und wirft sie total zurück."
Zwar zahlt die Versicherung den Verlust, doch die Wiederanschaffung dauert. Außerdem fördern Diebstähle und Vandalismus Wut und Resignation, so Sattler. Also entschieden sich die Schule und die Stadt Leverkusen als ihr Träger für eine Videoanlage. "Wenn wir hier Investitionen von 10 Millionen Euro haben, dann müssen wir dieses attraktive Angebot für die Schüler auch dauerhaft sichern und erhalten", meint der Schulleiter.
Wer sich heute nach dem Ende sämtlicher Schulveranstaltungen dem Gebäude nähert, der wird gefilmt. Zuvor aber ist die Stimme des Schulleiters zu hören: "Achtung, ab sofort wird aufgezeichnet. Bitte verlassen Sie umgehend das Gelände", tönt es aus den kleinen Lautsprechern unterhalb der Kamera. "Es ging von Anfang an nicht um Kontrolle, sondern um den Schutz des Objektes und den Erhalt der für den Unterricht notwendigen Ressourcen", sagt Sattler.
Die Erfolge sind frappierend: Seit die Anlage in Betrieb ist, gab es noch genau einen einzigen Schadensfall – einen Steinwurf in eine Scheibe. Sprayer, Randalierer und Einbrecher aber kamen seither nicht mehr. "Wir sind am Anfang etwas ungläubig gewesen angesichts dieser Wirkung – aber wir sind natürlich heilfroh“, so der Pädagoge.
Die Bilder, die die insgesamt acht Videokameras an der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule aufzeichnen, bekommt an der Schule niemand zu sehen - weder Lehrer noch Hausmeister. Im Ernstfall ausgewertet werden die Aufnahmen von der Stadt Leverkusen, die auch für die Hardware verantwortlich ist. "In Anbetracht der heiklen Diskussion um den Datenschutz bin ich sehr dankbar für diesen Servicedienst der Stadt", sagt Guido Sattler. Ganz anders ist das an der Leverkusener Grundschule im Steinfeld. Hier gibt es ebenfalls eine Video-Anlage – doch sämtliche Bilder mit Auffälligkeiten werden dem Schulleiter und dem Hausmeister umgehend per E-Mail zugesandt. "Die Kamera hängt an einem Netzwerk, ich kann sie von zu Hause aus steuern und die Bilder überall in der Welt ansehen", erklärt Schulleiter Frank Wahl.
Seit Herbst 2006 hängen in der Grundschule im Steinfeld die beiden Kameras, die den hinteren Schulhof mit seinen teuren, vom Förderverein finanzierten Spielgeräten überwachen. Seitdem haben die Kameras höchstens 15 Mal ausgelöst, doch Vandalismus oder Drogenkonsum gab es überhaupt nicht mehr, die Polizei musste noch nie eingeschaltet werden. Früher hatten sich immer wieder Schadensfälle ereignet. Der Erfolg gibt Schulleiter Wahl Recht und da die Kameras nur außerhalb der Schulzeit – abends, am Wochenende und in den Ferien – eingeschaltet sind, hat der 42-Jährige auch kein Problem mit dem Datenschutz: "Jeder, der sich auf dem Schulhof aufhält, hat mindestens einen Zaun überklettert und sieht die Schilder, dass er aufgezeichnet wird. Er weiß, dass er illegal da ist."
Doch das Thema Videoüberwachung bleibt brisant: Nina Schmidt, Sprecherin des NRW-Schulministeriums, verweist darauf, dass "jede Schule und jeder Schulträger selbst vor Ort entscheiden" müsse, ob solche Anlagen gebraucht würden. Es gibt weder eine prinzipielle Aufmunterung noch eine ablehnende Haltung. "Was für die eine Schule gut ist, muss nicht für die andere gelten." Die Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit NRW, Bettina Sokol, äußert hingegen Bedenken: "Ich beobachte die steigende Tendenz, Videoüberwachung in Schulen einzusetzen durchaus mit Skepsis.“ Überwachung per Kamera sei grundsätzlich zunächst gar nicht erlaubt. "Unter welchen Voraussetzungen Videoüberwachung an Schulen im Regelfall außerhalb der Unterrichtszeiten möglich ist, haben wir ausführlich in einer Broschüre dargestellt." Das Fazit dort ist recht eindeutig: "In aller Regel sollte jedoch von einer Videoüberwachung an und in Schulen abgesehen werden."
Die Bereitschaft der Schulen, Kameras einzusetzen, wächst - vor allem, wenn sie in den Abend- und Nachtstunden als Abschreckung dienen sollen. Als einziges Problem werden Reinigungskräfte genannt, die in den frühen Morgenstunden unabsichtlich gefilmt würden. Solche Bilder würden aber nicht ausgewertet. An einer Schule im Ruhrgebiet genügte bereits das Aufhängen von Kamera-Attrappen, um den Vandalismus einzudämmen. An einer Mönchengladbacher Grundschule wiederum wurden Täter mittels Videobeweis und unter Einhaltung des Vier-Augen-Prinzips überführt. Die Schulleiterin und der Hausmeister hatten die Bilder gemeinsam gesichtet. Gegenüber WDR Wissen waren die Schulleiter der Ruhrgebietsschule, der Monchengladbacher und der Leverkusener Schule von der Wirkung von Kameraeinsätzen überzeugt.
Gesamtschulleiter Guido Sattler aus Leverkusen hält die Aufregung um den Datenschutz in Anbetracht des Erfolges denn auch für eine Scheindebatte: "Die Schule soll alle Defizite der Gesellschaft regulieren: Drogen, Übergewicht, Zerfall der Familien. Und sobald wir auch in brisanten Grenzbereichen eine klare Linie fahren, geraten wir ins Schussfeld. Das ist eine merkwürdige Diskussion."